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"KÖRK!", der erste Roman der spätberufenen Jungautorin V.H., erblickte am 29.9.08 das Licht und die Dunkelheit der Welt ...

... Hebamme war der Kölner van Aaken-Verlag. Danke, Talishja und Johannes!


Titelbild

Klappentext:

Georg Schneider, im besten Krisenalter von sechsundvierzig, plagt die Furcht vor Veränderungen, vor dem Ungewohnten und Fremden. Die Folge davon ist die Wiederkehr des Immergleichen, ein Leben als überschaubares, ödes Feld. Er findet Ersatz in seiner Wochenzeitung, die ihm das pralle Leben suggeriert. Um die Informationsflut zu bewältigen, verstrickt er sich in einen heillosen Kampf, der in einem wachsenden Archiv endet - und eine seltsame Zukunftsvision gebiert.

Zudem leidet unser Held an einer Insekten-mit-Beinen-Phobie. Leidensdruck führt zu Veränderungen, nicht so bei Georg: Er braucht seine Katastrophe. Was lag dem Schicksal da näher, als ihm einen besonderen Gast ins Bett zu legen, einen sehr anhänglichen Gast, eine Heimsuchung ... KÖRK!
Ein ironischer, skurriler Entwicklungsroman, auch über Liebe und Freundschaft.

Vera Hesse, KÖRK!, van Aaken-Verlag, 252 Seiten, ISBN 978-3-938244-20-3, € 12,95

Das Titelbild ist von Stephan Rodriguez, einem Karlsruher Künstler, der zudem noch einige Illustrationen zu "KÖRK!" beigetragen hat. 

http://www.kultursommer-suedstadt.de/page/index.php?p=kuenstler&sp=detail&kuenstler=rodriguez
http://dichtungsring-ev.com/archiv/wirklichkeit/rodriguez-07.htm

LESUNG:

Am 1.10.08 (Mittwoch) lese ich um 20 Uhr aus meinem Roman - im Severins-Burg-Theater,

50677 Köln, Eifelstraße 33, Karten: 0221/300898, Eintritt: 8 € /erm. 5 €

Die Lesung erfolgt im Rahmen von vier Literaturabenden (jeweils 1 x im Monat) zum Thema "Veränderung", mit themenbezogenen Dialogpartnern, in meinem Fall mit einem Dipl.Psychologen (www.lechtenboehmer.de) und Gerd Buurmann, (künstlerischer Leiter des Theaters) als Moderator. 

Homepage des Theaters: http://www.kgb-cologne.de/index.html



LESEPROBE:

An einem trüben Novembermorgen strebte Georg Schneider mit weit ausholenden Schritten dem Bürohaus seines Arbeitgebers zu, 
begrüßte die Kollegen im Lift mit den üblichen freundlichen Phrasen, stieg im sechsten Stockwerk aus und betrat das Büro wie immer um zwei Minuten vor acht, indem er die Tür so schwungvoll aufriss, dass die Sekretärin hochschreckte und einen spitzen Schrei ausstieß.
   Das tat sie seit fünfundzwanzig Jahren.
   In der Buchhaltung warf er den Trenchcoat über den Garderobenständer und stellte den Schirm ab. Doch dann, als hätte ihn jegliche Kraft verlassen, schlurfte er zu seinem Schreibtisch.
   „Guten Morgen, Herr Schneider“, sagte Kaltenbach, der Bilanzbuchhalter, und sah ihn aus steingrauen Augen an. 
   „Morgn“, nuschelte Georg, hängte sein Jackett über die Stuhllehne und schaltete den Computer ein. Den Bildschirm drehte er etwas nach links, damit Kaltenbach, der ihm gegenübersaß, ihn nur im Profil sehen konnte. Warum ging es ihm bloß so schlecht? Nur sein neues Ziel hielt ihn noch aufrecht. Wie mühselig war der Weg dorthin und welche Berge musste er abtragen! Müde fühlte er sich, sterbensmüde. Immer öfter legten sich diese lähmend grauen Zeiten über ihn, in denen er sich festgefahren vorkam und schwer wie ein Sack Zement. Bisher hatte er sie stoisch ausgesessen. Und dann ... eines Tages ...
   Verflucht, schon wieder vertippt. Kaltenbachs Blick bohrte sich in seine Schläfe. Sein eigener hingegen huschte über das Ziffernblatt seiner Armbanduhr. Die Anstandsstunde war verstrichen. Sofort verschwand er auf die Toilette, um einen Moment alleine zu sein.
   Was für lange dünne Beine! dachte er, als er mit heruntergelassenen Hosen auf der Klobrille saß und an sich herabstarrte.
   „Du hast gar keine Waden“, hatte Erich immer gemäkelt.
   Der blonde Erich mit dem Knackpopo ... Georgs erster und bisher letzter Versuch mit einem Mann. Doch wenigstens auf diesem Gebiet war er nun frei in seinen Möglichkeiten, während der bedauernswerte Erich nicht über den Tellerrand seines Schwulseins hinausgucken konnte.
   „Untreues Schwein“, murmelte er. Je wilder Erich sich auslebte, umso eifersüchtiger hatte er Georg bewacht. Vor einem halben Jahr, im Frühling, war er dann bei diesem Jüngeren hängen geblieben.
   „Das ist der Mann meines Lebens“, verkündete er. „Der ist wenigstens treu – im Gegensatz zu dir.“
   Nun ja, Rabinowitsch war nur ein Jahr jünger als Georg, süße fünfundvierzig. Dennoch, es hatte ihn gekränkt.
Georg spülte, klappte den Klodeckel zu und setzte sich darauf. Er sackte nach vorn, schloss die Augen und schaukelte mit dem Oberkörper, als litte er an Hospitalismus. Wann bekam er Erich endlich aus seinem Kopf? War er etwa nicht attraktiv genug? Aber selbst Erich fand, er sähe Keith Richards ähnlich, was Georg als Fan der Rolling Stones natürlich schmeichelte. Obgleich es nicht mein eigenes Verdienst ist, dachte er. Das von Richards allerdings auch nicht. Oder doch? Bei dessen Lebenswandel … Georg verließ die Kabine und stellte sich vor den Spiegel über dem Waschbecken.
   Sah so jemand aus, in dem eine wunderbare Vision leuchtete? Er fuhr sich mit den Fingern durch die borstigen, schon angegrauten Haare, die widerspenstig vom Kopf abstanden, obwohl er sie morgens mit Zuckerwasser bürotauglich strich, regelrecht an den Kopf klebte, und beugte sich nach vorn.
   Sein Gesicht war auch schon ganz grau.
   So grau wie das von Oma Ich-mach`s-nicht-mehr-lang, die unter ihm wohnte, im Erdgeschoss. Und bald würde sie noch einen Stock tiefer wohnen. „Ich mach`s nicht mehr lang“, äffte er sie nach. „Ich mach`s nicht mehr lang...!“
   Er wusch sich die Hände und glättete mit feuchten Fingern die Haare. Weitermachen, sagte er sich und warf einen möglichst zuversichtlichen Blick in den Spiegel. Nicht beirren lassen. Das Ziel im Auge behalten. Seine Vision.

   Zukunftsvision, dachte er, als er auf seinen Schreibtisch zusteuerte, vielleicht war das Wort eine Nummer zu groß. Vorstellung käme eher hin. Nur wirkte es nicht so erhebend und vorwärtstreibend.

(...)

Nach Büroschluss betrat er um zwei Minuten nach fünf den Fahrstuhl. „Feierabend“, sagte er zu dem unscheinbaren Mann aus der Registratur.
   „Wieder eine Woche rum“, antwortete dieser.
   „Ja, ja, so vergeht die Zeit, Holger“, seufzte Georg und zwinkerte ihm aufmunternd zu. Schlagartig erstarb jedoch das Lächeln, als er auf der Wand gegenüber das Insekt entdeckte. Er starrte auf den fetten, schwarz glänzenden Käfer, der im Zickzack die Wand hochkrabbelte. Schweiß rann seine Achselhöhlen hinunter, die Aktentasche rutschte durch die feuchten Hände und schlug dumpf zu Boden. „Mach das weg!“, stieß er hervor und hoffte, peinlich berührt über sich selbst, durch Lautstärke wenigstens das Zittern seiner Stimme zu überspielen. Holger, verwirrt über die schroffe Art Georgs, klaubte den zappelnden Käfer von der Wand, Georg schrie, er solle drauftreten, doch da hielt der Aufzug bereits im Erdgeschoss. Georg bückte sich nach seiner Tasche und floh auf die verregnete Straße hinaus, ohne ein schönes Wochenende zu wünschen.
   Georg war Phobiker, was Insekten mit Beinen betraf.

Und so drehte sich ein großer Teil seines Lebens darum, jeden Grashalm, jede Blume, jeden Busch und jeden Baum weitläufig zu umgehen, um eine mögliche Begegnung mit „Krabbelzeug“, wie er sich ausdrückte, zu vermeiden. Was nicht immer gelang. Sobald sich ihm Käfer, Ameise oder Spinne in neutraler, wenn nicht sogar freundschaftlicher Absicht näherten, wurde er von einer schweißtreibenden Panikattacke ergriffen, und sein Herz schlug dermaßen wild gegen seinen Brustkorb, als wollte es raus, nur noch raus und nichts wie weg. Fliegen, Mücken und Nachtfalter hielt er sich durch Fliegengitter vor den Fenstern vom Leibe, wenngleich sie ihn weniger ängstigten, da
sie vorwiegend flogen, statt zu krabbeln. Doch konnten sie jederzeit anfangen zu krabbeln, was er aber mit der Fliegenklatsche zu verhindern wusste. 

(...)

Als Georg sich nach dem Zähneputzen wie immer Schnupfenspray in die Nase spritzte, fiel sein Blick in den Badezimmerspiegel. Leuchtete
in ihm nicht – seine wunderbare Vision? Auch wenn man es nicht sah.
   Wieso aber ging es ihm dann so schlecht?
   „Ich habe eine Lebensaufgabe!“, sprach er in den Spiegel hinein. „Eine, die wirklich mir entspricht. Wer hat die schon?“ Dann griff er in die Mundwinkel und zog sie hoch. Warum konnte man die nicht festnageln? Er ließ sie wieder nach unten flatschen. Lieber nicht, das Zahnfleisch zog sich immer mehr zurück.
   „Glück ist für mich bloß noch ... die Abwesenheit ... dieses wattigen und doch lastenden Gefühls“, murmelte er, „und die Abwesenheit von Krabbelzeug natürlich.“
   Scheißglück, dachte er und ging ins Schlafzimmer, um den Pyjama anzuziehen.
   Irgendwie roch es. Nicht nur komisch, sondern ekelhaft süßlich. Ich habe doch das Fenster aufgelassen, wunderte er sich und knöpfte die Schlafanzugjacke zu. Den Wecker stellte er auf eine Stunde später als üblich, morgen war schließlich Samstag.
Gähnend schlug er das Plumeau zurück. In seinem Bett lag ein Riesenkakerlak und starrte ihm aus tassengroßen Komplexaugen ins Gesicht.

„Hello“, knarzte er.